Jugendbegegnung “Europa und seine Grenzen” zur Stärkung lokalen Engagements für Unterstützung von Menschen auf der Flucht

Im Nachhinein scheint uns, dass das EU-Jugendbegegnungsprojekt “Europa und seine Grenzen” gerade zum richtigen Zeitpunkt von uns durchgeführt wurde. Denn wer hätte das bei der ersten Einreichung des Antrags vor eineinhalb Jahren gedacht: Statt einer Abnahme der damals schon häufigen Berichterstattungen über die absolut prekären Lebensumstände von Menschen auf der Flucht ist und war in diesem Frühjahr/Sommer sogar noch eine Zunahme zu beobachten.

Die traurige Grundbotschaft: Innerhalb der Grenzen Europas befinden sich Millionen Menschen auf der Flucht. Sie haben teilweise keine Rechte, Papiere und/oder Zugang zu lebensnotwendigen Dingen.
Selbst wenn das biologische Überleben gesichert ist, wird ihnen Partizipation, also soziales Leben, oft verunmöglicht. Manchmal über Jahre und Jahrzehnte.
Staatliche bzw. suprastaatliche Strukturen scheinen wie erstarrt. Ob aus politischem Kalkül oder tatsächlichem Unvermögen der unflexiblen Apparate: Das tägliche Leben der betroffenen Menschen ist eine humanitäre und soziale Katastrophe. Inmitten einer der reichsten Regionen der Welt.

Auf zivilgesellschaftlicher und individueller Ebene gibt es viele Menschen, die Unterstützung leisten wollen. Hierbei resignieren viele oft schon daran, dass sie sich allein nichts zutrauen. Obwohl dem nicht so sein muss, scheint es dort, wo mehrere Menschen gemeinsam etwas organisieren, einfacher zu gehen. Gerade in Ballungsräumen entstehen dadurch vielfältigste private Unterstützungsstrukturen für Menschen auf der Flucht: Sei es für gutes Essen (Volksküchen, Tafeln), Unterkünfte abseits der Lager und Heime (z.B. Vermittlung in WGs und Spendensammlung für die Miete), Amtsassistenz und Beratung, offene und kostenlose Sprachkurse – um nur einige Dinge zu nennen.

Quer durch Europa zeigt sich, dass solche ehrenamtlichen Strukturen und Know-How lokal sehr unterschiedlich ausgeprägt sind: z.B. im Vergleich zwischen Berlin und Wien.
Memfarado folgt dem Grundgedanken, die DIY-Kultur von selbstgebastelten Dingen auf selbstorganisierte gesellschaftliche Strukturen zu übertragen und das informelle Voneinanderlernen zu fördern. Für den Themenkomplex “Flucht und Unterstützung” lag insofern nah, das Konzept für eine Jugendbegegnung einzureichen, um einen Austausch von Berliner Initiativen bzw. engagierten Menschen mit solchen in Wien zu fördern. Langfristiges Ziel sollte die Stärkung von Netzwerken und das Keimen neuer Unterstützungsinitiativen sein.

Nach der positiven Zusage durch die österreichische Nationalagentur für das ERASMUS+-Programm der EU-Kommission setzte Memfarado die Jugendbegegnung gemeinsam mit der Berliner Organisation EYFA um.

Blogbild Europa und seine Grenzen (Jugendbegegnung)

Vom 01. bis 12. April 2015 trafen in Wien je fünfzehn junge Leute aus Berlin und Wien zusammen: Es wurde vernetzt, ausgetauscht, neues Wissen angeeignet und ein paar Projektideen auf den Weg gebracht.

Die Tage waren äußerst abwechslungsreich und boten ein dichtes Programm: In Vorträgen von bestehenden Initiativen konnten die Teilnehmenden einen Einblick in die Organisationsstruktur und die positiven Auswirkungen von Gruppen nehmen, die auch einmal als Projektidee begonnen haben. Gruppendiskussionen und Reflexionsrunden halfen dabei, alle Einzelnen auf einen ähnlichen Stand der Dinge zu bekommen, was den Themenkomplex Flucht, Migration und EUropa angeht.
Außerdem wurden durch zwei Dokumentarfilmabende weitere Informationen und Eindrücke in die Gruppe gestreut. Auch methodische und organisatorische Workshops wurden abgehalten, um Einzelpersonen und Gruppen Werkzeuge zum Aufbau von Initiativen in die Hand zu geben.
Um bei lauter Theorie und Organisation die “Praxis” bzw. konkrete Menschen nicht zu vergessen, gab es auch Austauschtreffen, Sport- und Kochbegegnungen mit geflüchteten Menschen, die in Wien leben.
Für unsere Berliner Teilnehmenden wurde ein antirassistischer Stadtrundgang organisiert, der die oft verborgenen oder nicht aktiv herausgestellten “traurigen” Orte der Stadt in Bezug auf Flucht bzw. Rassismus zeigt.
Wir hatten das Glück, mit dem Projekt “Migrant Solidarity Werkstatt Woche” kooperieren zu können, mit dessen Mitgliedern wir die Räumlichkeiten teilten und von dessen “kreativen Werkstätten” unsere Teilnehmenden profitierten: So konnten sie immer wieder mithelfen, Goodies mit fluchtpolitischen Botschaften zu erzeugen (T-Shirts, Taschen, Buttons, etc.), die am Ende über das “Migrant Solidarity Network” für Spendensammlungen genutzt werden.

Die Zeit war viel zu schnell vorbei und es schien, als gebe es noch unendlich viel mehr zu diskutieren, zu lernen und zu organisieren. In jedem Fall halten wir von Memfarado das Thema weiterhin für hochaktuell und brisant. Daher wollen wir uns weiter für aktive, engagierte Arbeit in kleinen und lokalen Strukturen einsetzen, um das momentan beobachtbare Versagen der öffentlichen Strukturen kompensieren zu können.

Deshalb haben wir auch vor, eventuell ein Follow-Up-Event zu organisieren! Denn die Welt und Europa sind groß, Misere gibt es leider viel zu viel – zu lernen und auszutauschen aber auch!
Aber vielleicht gönnen wir uns noch etwas Verschnaufpause. Denn obwohl die Jugendbegegnung selbst schon mehr als zwei Monate vorüber ist, muss ja hinter den Kulissen immer noch länger gearbeitet werden: Erst jetzt, Mitte Juli, haben wir den Endbericht für die EU-Nationalagentur online stellen und die Abrechnung fertig machen können.

Wir möchten uns an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei allen aktiven, passiven, individuellen und kollektiven UnterstützerInnen bedanken: Von EU/ERASMUS+, über ÖH und die Migrant Solidarity Werkstatt Woche, bis hin zu den Einzelpersonen, die mit uns ihre persönliche Geschichte geteilt haben und den referierenden Initiativen (KaMa, Watch the Med, Initiative für Solidarische Literatur, Migrant Solidarity Marokko). Und ganz natürlich bei euch, liebe TeilnehmerInnen – sowie bei unserer tollen Partnerorganisation EYFA in Berlin!

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